Isoliert von der Außenwelt, nackt im Wald

„Lange hat mein Volk ein Geheimnis gehütet. Doch die Häuptlinge
haben entschieden, dass ich mit dir darüber reden darf. Auf unse­rem Land, noch hinter dem Kastanienhain von São Luis, leben einige Tenharim wie in der alten Zeit. Wir glauben, dass sie ohne Kleider im Wald herumlaufen. Sie ziehen als Nomaden umher und leben von der Jagd. Nie bleiben sie dauerhaft an einem Ort, vielleicht ein, zwei oder drei Monate lang. Wenn sie jagen, legen sie weite Wege zurück, viel größere Strecken als heutzutage wir. So war das alte Leben der Tenharim.“

Madarejúwa Tenharim

 

Stimmt die Geschichte, die Madarejúwa hier im Buch erzählt? Gleich war klar, dass diese Information über die «Unkontaktierten» auf dem Gebiet der Tenharim mit etwas Vorsicht zu genießen war. Es gibt keinen eindeutigen Beweise dafür, dass diese Gruppe bis heute noch lebt. Vorsicht ist deswegen angebracht, weil die Häuptlinge im Au­genblick ja ein politisches Interesse daran hätten, ein schützenswertes Mini­volk auf ihrem Gelände herbeizureden. Sie könnten sich davon Unterstützung von Seiten der Behörden erhoffen. Bei anderen Völ­kern in anderen Kontexten hat sich das als hilfreiches Druckmittel er­wiesen.

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Wie man mit einer Anakonda kämpft

Madarejúwas Großvater Mohã hat die Begegnung überlebt

„In meiner Familie gibt es nur einen Mann, der eine Begegnung mit einer Anakonda überlebt hat. Mein Urgroßvater Mohã erzählt seine Geschichte häufig. Auch andere Mitglieder meines Volkes haben schon mit Riesenschlangen gekämpft, aber das waren nur Sucuri, die sind dünn und werden vielleicht 25 Meter lang. Ab drei Meter Länge können Riesenschlangen einen Menschen töten. Sie umschlingen ein Bein und ziehen ihn unter Wasser, oft hunderte Meter weit bis zu ihrem Loch. Sucuris haben Muskeln überall, sie krümmen sich und strecken sich, können weich und geschmeidig werden, aber auch ganz hart.

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„Die Weißen machen Fehler“: Ein Interview mit Madarejúwa

Thomas Fischermann sprach mit Madarejúwa Tenharim zuletzt im August 2017, um letzte Fragen zum Manuskript zu klären. Er führte dabei dieses kurze Interview.

Frage: Viele Menschen in Deutschland werden bald lesen, was wir zusammen geschrieben haben. Welche Hoffnungen verbindet das Volk der Tenharim mit dieser Veröffentlichung?

Madarejúwa: Ich hoffe, dass die Menschen unser Volk und seine Geschichte besser kennen lernen. Sie sollen verstehen, dass wir eine lange Geschichte und eine lange Tradition haben. Wir beschützen den Amazonaswald, und deswegen geraten wir in Konflikte mit anderen. Das sollen die Leute wissen, statt nur schnell anhand von aktuellen Ereignissen in den Nachrichten zu urteilen …

Der große Tenharim-Vokabeltrainer

Pater Thomas liest im Marmelosdorf die Bibel in der Tenharim-Sprache vor …

Junge Tenharim sprechen heute quasi alle Portugiesisch. Das ist aber nicht die erste Sprache, die sie erlernen. Ihre eigentliche Muttersprache heißt „Kagwahiva“ und ist ein Dialekt des im Amazonasgebiet weitverbreiteten Tupí-Guarani. Auch im Alltag verwenden die Tenharim untereinander im Zweifel ihre eigene Sprache.

Einige Wörter des Tenharim-Dialekts kommen im Buch vor. Ein deutschsprachiger Leser kann sie so aussprechen, wie es sich liest. „A“ wie in „Adler“, „E“ wie in „ebenso“, „I“ wie in Wind, „O“ wie in „Wort“, „U“ wie in „Frucht“.

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Darf man „Indianer“ sagen?

Ja, gute Frage. Sie wurde in den vergangenen Tagen häufig gestellt. Gleich im Untertitel des Buches steht ein Satz, der manche Leser verärgert hat:

‚Ein Indianerkrieger aus dem Amazonas erzählt von der Zerstörung seiner Heimat und von den Geistern des Urwalds‘

Wir hatten uns darüber schon einige Gedanken gemacht: der Autor Fischermann, die Lektoren, unsere Berater in Fragen der Anthropologie. Im Buch selber findet sich (auf Seite 187) eine kleine Ausführung dazu. Vor allem in der Fachliteratur ist es heute üblich, von «indigenen Völkern» zu sprechen. Dies wird als politisch kor­rekter betrachtet als früher gebräuchliche Bezeichnungen wie «Indianer», «Indio» oder auch «Urvölker» und «Eingeborene», die diverse problematische Wortgeschichten aus der Kolonisierung mitbringen.

Cowboys und Indigene: Einige Tenharim-Familien an der Durchfahrtstraße haben sogar Fernseher zuhause stehen

Trotzdem: Am Ende wurde entschieden, dass wir es in diesem Buch nicht so streng halten. Mal abgesehen davon, dass eine politisch korrekte Wortwahl noch selten soziale Probleme aus der Welt geschafft hat: Das Wort „Indianer“ ist nicht so problematisch, wie viele meinen. Anders als im Spanischen hat der Begriff «Índio», also Indianer im Portugiesischen, nicht die gleiche negative Konnotation. Tatsächlich heißt die staat­liche Behörde für den Schutz dieser Völker „Fundação Nacional do Ín­dio“.

Den Ausschlag gab schließlich, was Madarejúwa richtig findet. Er bezeichnet sich selber als «Índio», gelegentlich auch als „Indigener“. Die Frage wurde mit ihm für dieses Buch diskutiert, und er hält beide Worte für identisch und keines für derogativ. Wo er selber spricht, wird im Buch seiner jeweils eigenen Wortwahl ge­folgt. Wo der Autor Fischermann spricht, zieht er «Indigene» oder «indi­gene Völker» vor – aber nicht auf dem Titel, wo erst mal jeder verstehen soll, worum es geht. Wörter wie «Indianerreservat» oder «Indianerschutz­behörde» sind so gebräuchlich und werden verwendet.

Auf den Begriff «Eingeborene» wird wegen der diversen negativen Konnota­tionen im Deutschen verzichtet, obwohl man auch argumentieren könnte, dass das eine ziemlich wörtliche Übersetzung des Begriffes «Indigene» ist. Auf «Urvölker» wird auch ver­zichtet, weil heute nicht mehr ganz klar ist, wie «ursprünglich» diese Völ­ker sind, und im Verhältnis zu was. Ihre Kultur verändert sich ja ständig weiter, so wie jede Kultur auf der Welt.

In aller Regel wird von «Völkern» ge­sprochen und nicht von «Stämmen», es sei denn, es ist ausdrücklich ein bestimmter Familienstamm gemeint – etwa dort, wo Madarejúwa von dem gemeinsamen Stammbaum der isoliert lebenden Tenharim und sei­ner eigenen Verwandtschaft spricht.