Wie man mit einer Anakonda kämpft

Madarejúwas Großvater Mohã hat die Begegnung überlebt

„In meiner Familie gibt es nur einen Mann, der eine Begegnung mit einer Anakonda überlebt hat. Mein Urgroßvater Mohã erzählt seine Geschichte häufig. Auch andere Mitglieder meines Volkes haben schon mit Riesenschlangen gekämpft, aber das waren nur Sucuri, die sind dünn und werden vielleicht 25 Meter lang. Ab drei Meter Länge können Riesenschlangen einen Menschen töten. Sie umschlingen ein Bein und ziehen ihn unter Wasser, oft hunderte Meter weit bis zu ihrem Loch. Sucuris haben Muskeln überall, sie krümmen sich und strecken sich, können weich und geschmeidig werden, aber auch ganz hart.

„Wie man mit einer Anakonda kämpft“ weiterlesen

„Die Weißen machen Fehler“: Ein Interview mit Madarejúwa

Thomas Fischermann sprach mit Madarejúwa Tenharim zuletzt im August 2017, um letzte Fragen zum Manuskript zu klären. Er führte dabei dieses kurze Interview.

Frage: Viele Menschen in Deutschland werden bald lesen, was wir zusammen geschrieben haben. Welche Hoffnungen verbindet das Volk der Tenharim mit dieser Veröffentlichung?

Madarejúwa: Ich hoffe, dass die Menschen unser Volk und seine Geschichte besser kennen lernen. Sie sollen verstehen, dass wir eine lange Geschichte und eine lange Tradition haben. Wir beschützen den Amazonaswald, und deswegen geraten wir in Konflikte mit anderen. Das sollen die Leute wissen, statt nur schnell anhand von aktuellen Ereignissen in den Nachrichten zu urteilen …

„Madarejúwa hat ein tiefes biologisches Wissen“: Interview mit der Pflanzenspezialistin Luiza de Paula

Luiza de Paula, Foto privat

Luiza de Paula, 30, ist eine brasilianische Biologin. Sie spezialisiert sich auf die Katalogisierung von Pflanzen und auf die Entdeckung neuer Arten. Derzeit schließt sie ihre Promotion an der Universität Rostock ab.

Für dieses Buch beriet sie in kniffligen Fragen: Was meinen die Tenharim-­Indianer, wenn sie sagen, dass sie ein «Salz» aus Palmen herstellen? Stecken hinter den indigenen Namen der Tenharim für ihre Naturmedizin bekannte Heilkräuter, oder könnte es sich hier um unentdeckte Spezies handeln? Welche Affenart war es, die der junge Krieger Madarejúwa am Ufer des Rio Marmelos schoss und seinem Gast aus Deutschland «gut durchgebraten» ser­vierte?

Frage: Sie haben einige Wochen lang ziemlich geflucht, als Sie das Manuskript dieses Buches durchgegangen sind. Was war denn so schwierig?

De Paula: Nicht nur geflucht, die Arbeit war eigentlich faszi­nierend, aber viel schwieriger als gedacht. Die Tenharim-Indianer sprechen sehr detailliert von bestimmen Pflanzen und Tieren, sie meinen bestimmte Spezies damit. Doch ihre Beschreibungen und ihre Abgrenzungen für diese Spezies decken sich häufig überhaupt nicht mit der in den biologischen Lehrbüchern! Einige Male musste ich da mit befreundeten Experten von Universitäten in Brasilien und Deutschland tief einsteigen.

Frage: Und haben Sie am Ende alles rausbekommen?

De Paula: Nein, wo die Dinge unklar geblieben sind, schreiben wir es aber so hin. Die Uixi-Frucht, die Sie von irgendeinem Strauch gegessen haben? Das könnten acht verschiedene Früchte sein. Und das «Cipo», mit dem die Tenharim ihre Wunden heilen? Das ist einfach ein Sammelbegriff für Schlingpflanzen. Der ganze Amazonaswald ist voll von Cipo! Die genauen Zutaten der geheimen Medizin der Tenharim werden also vorerst ein Geheimnis bleiben, zumal sie Ihnen ja nicht erlaubt haben, Proben mitzunehmen.

Pilze im Reservat der Tenharim

Frage: Kennen wir überhaupt all diese Pflanzen im Amazonasraum?

De Paula: Ach, wir kennen sehr wenige. Riesige Gebiete im Amazonasraum wurden noch nie erforscht. Deshalb unterschätzen wir sicherlich auch die Zahl der Spezies – Pflanzen und Tiere –, die es dort gibt. Wir unterschätzen den Reichtum der dortigen Natur. Paradoxerweise haben wir Forscher seit 1990 viermal weniger neue Pflanzen­spezies im Amazonasraum identifiziert als in anderen Natur­regionen Brasiliens. Das liegt nicht daran, dass es dort weniger unbekannte Pflanzen gäbe! Es ist einfach so teuer und aufwändig, an den Amazonas zu reisen, und es fehlt an finanzieller Unterstützung.

„„Madarejúwa hat ein tiefes biologisches Wissen“: Interview mit der Pflanzenspezialistin Luiza de Paula“ weiterlesen

Der Segen des Iguaí

Morgen ist der offizielle Erscheinungstag. Der „Letzte Herr des Waldes“ kommt in den Buchhandel  und wird bei der Leipziger Buchmesse anzuschauen sein (Verlag und Autor stellen das Buch dort vor).

Ich habe die Tenharim gefragt, was sie sich von der Veröffentlichung erhoffen. Verbinden Sie bestimmte Erwartungen damit? Glauben sie, dass Leser aus Deutschland von ihrem untergehenden Stück Wald hören werden und irgendwelche Wege finden, um ihnen zu helfen?

Ich habe Kopfschütteln geerntet, von den Häuptlingen, Ältesten und auch von meinem Koautoren Madarejúwa. Die Tenharim sind stolz. Auf solche Hilfe seien sie nicht angewiesen, bedeuteten sie mir. „Ich hoffe, dass die Menschen unser Volk und seine Geschichte besser kennen lernen“, sagte Madarejúwa. „Sie sollen verstehen, dass wir eine lange Geschichte und eine lange Tradition haben. Wir beschützen den Amazonaswald, und deswegen geraten wir in Konflikte mit anderen. Das sollen die Leute wissen.“

Iguaí, einer der ältesten Einwohner im Marmelosdorf, hat das Buch anschließend gesegnet. Er spielte auf der Flöte und wünschte (in der Stammessprache der Kagwahiva-Indianer) alles Gute für das Buch und für seine Leser im fernen Deutschland.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/YKmj02nc8Nk

Neue Medienveröffentlichungen

Tenharim-Kinder aus dem Marmelos-Dorf vor dem Sprung ins kalte Wasser

Eine Reihe von Medienberichten kündigt an diesem Wochenende das Erscheinen des „Letzten Herrn des Waldes“ (am 15.3.) an.

„Dieser Mann hat keine Angst“, stellt im „FAZ Magazin“ David Klaubert fest, und er meint Madarejúwa, den jungen Krieger und Koautor des Buches. „Wenn es sein muss, will er mit Pfeil und Bogen in den Krieg ziehen. Denn stirbt der Wald, stirbt auch sein Volk.“

Der Berliner Tagesspiegel widmete sich dem „Letzten Herrn des Waldes“ in einer ausführlichen Besprechung, an deren Ende der Autor Georg Ismar urteilt: „Das Buch des deutschen Journalisten Thomas Fischermann ist auch ein Weckruf … Es ist kein verklärter, sondern ein nüchterner Blick, ein Heimatbuch der anderen Art“.