Mord an der Transamazônica

Vor vier Jahren begegnete ich den Tenharim zum ersten Mal. Ich war damals auf einer Amazonasexpedition unterwegs, gemeinsam mit einem weiteren Journalisten, einem Fotografen und einem erfahrenen Waldführer für diese Region. Wir suchten nach den Spuren eines Krieges.

Das ZEIT Magazin hatte uns ge­beten, über Zusammenstöße zwischen Holzfällerbanden und Amazonasvölkern zu berichten, weil diese seit vier, fünf Jahren erneut eskalieren. Auch die Abholzung des tropischen Regen­waldes hat in dieser Zeit wieder stark zugenommen – ein trauriger Rückschlag, denn zu Beginn des Jahrtausends hatte es vorübergehend ein paar Erfolge für den Umweltschutz in dieser Region gegeben. Diese beiden Phänomene, die Gewalt und der Raubbau an der Natur, hängen zusammen. Viele indigene Völker bangen heute um ihr Überleben, weil sie den Holzfällern im Wege stehen.

Wir waren damals schon eine gute Woche im südlichen Amazonasgebiet unterwegs, als uns eine Nachricht auf­schreckte. Im Radio hieß es, dass ein Indianervolk namens Ten­harim erneut damit begonnen habe, brasilianische Siedler zu er­morden.

Mitten durch das Stammesgebiet der Tenharim führt die Transamazônica, eine Fernstraße aus Lehm, die in den siebziger Jahren 4223 Kilometer weit von West nach Ost durch den brasili­anischen Regenwald gebaut wurde – und genau dort wurden nun offenbar drei Männer, zwei Weiße und ein Schwarzer aus den um­liegenden Siedlungen, in ihrem Auto erschossen. Die Polizei fand ihre Leichen später verscharrt auf dem Stammesgebiet der Tenha­rim. Sie steckte fünf Krieger des Volkes ins Gefängnis.

Die Ereignisse waren für unsere Reportage interessant, denn die Gegend rings um das Stammesgebiet der Tenharim gilt als Abholzungs­-Hotspot. Die Tra
nsamazônica ist einer der wichtigs­ten Transportwege für legal und illegal geschlagenes Holz. Wir fuhren hin – einen Tag und eine Nacht lang –, um das wehrhafte Volk zu besuchen. Doch als wir ankamen, war alles abgesperrt. Soldaten sicherten die Straße, Hubschrauber kreisten in der Luft. Die brasilianische Regierung wollte beide Seiten voreinander schützen, denn in den Nächten zuvor waren Lynchmobs weißer Siedler vor die Dörfer der Tenharim gezogen, hatten Hütten und sogar den Außenposten der staatlichen Indianerschutzbehörde in Brand gesteckt.

Im ersten Anlauf hielten die Sicherheitskräfte auch uns Journa­listen davon ab, das Gebiet der Tenharim zu betreten, doch Leute von der Indianerschutzbehörde organisierten später ein heim­liches Treffen mit Anführern des Volkes. Die Situation war ange­spannt. Die Tenharim bestritten die Morde, und sie sprachen eine Einladung aus: Ich solle sie besuchen kommen, in ein paar Mona­ten, wenn die Lage sich wieder beruhigt habe. Dann könne ich die Wahrheit über ihr Volk erfahren, über ihre jahrtausendealte Kul­tur und ihren bitteren Kampf gegen weiße Siedler.

Bei einer dieser ersten Reisen lernte ich Madarejúwa kennen, den jungen Krieger, der im Buch seine Geschichte er­zählt. Er war damals neunzehn Jahre alt, und im Gegensatz zu einigen anderen Mitgliedern seines Volkes sprach er nicht viel. Sein Großvater und der Häuptling legten aber vertrauensvoll und mit großer Selbstverständlichkeit unsere Exkursionen in die Ver­antwortung des jungen Mannes, und dieser plante sie mit großer Ruhe und Ernsthaftigkeit: zu Wasserfällen, in alte Dörfer und in jene Gegenden des Waldes, die die Tenharim als den Ursprung ihrer Welt ansehen.

Mit tiefer Loyalität sprach er über seine Kul­tur und sein Volk. Unter den Tenharim galt er als ein Ausnahme­talent, als ein Meisterschütze, der schon im Alter von acht Jahren in den Stand eines Kriegers erhoben wurde. Er war ein Heran­wachsender mit guten Aussichten, ein «Meister der Kultur» zu werden, der sich auf die traditionelle Pflanzenkunde genauso versteht wie auf die Konstruktion tödlicher Pfeile aus Bambus, Arafedern und Curaregift.

Thomas Fischermann, im Januar 2018