„Madarejúwa hat ein tiefes biologisches Wissen“: Interview mit der Pflanzenspezialistin Luiza de Paula

Luiza de Paula, Foto privat

Luiza de Paula, 30, ist eine brasilianische Biologin. Sie spezialisiert sich auf die Katalogisierung von Pflanzen und auf die Entdeckung neuer Arten. Derzeit schließt sie ihre Promotion an der Universität Rostock ab.

Für dieses Buch beriet sie in kniffligen Fragen: Was meinen die Tenharim-­Indianer, wenn sie sagen, dass sie ein «Salz» aus Palmen herstellen? Stecken hinter den indigenen Namen der Tenharim für ihre Naturmedizin bekannte Heilkräuter, oder könnte es sich hier um unentdeckte Spezies handeln? Welche Affenart war es, die der junge Krieger Madarejúwa am Ufer des Rio Marmelos schoss und seinem Gast aus Deutschland «gut durchgebraten» ser­vierte?

Frage: Sie haben einige Wochen lang ziemlich geflucht, als Sie das Manuskript dieses Buches durchgegangen sind. Was war denn so schwierig?

De Paula: Nicht nur geflucht, die Arbeit war eigentlich faszi­nierend, aber viel schwieriger als gedacht. Die Tenharim-Indianer sprechen sehr detailliert von bestimmen Pflanzen und Tieren, sie meinen bestimmte Spezies damit. Doch ihre Beschreibungen und ihre Abgrenzungen für diese Spezies decken sich häufig überhaupt nicht mit der in den biologischen Lehrbüchern! Einige Male musste ich da mit befreundeten Experten von Universitäten in Brasilien und Deutschland tief einsteigen.

Frage: Und haben Sie am Ende alles rausbekommen?

De Paula: Nein, wo die Dinge unklar geblieben sind, schreiben wir es aber so hin. Die Uixi-Frucht, die Sie von irgendeinem Strauch gegessen haben? Das könnten acht verschiedene Früchte sein. Und das «Cipo», mit dem die Tenharim ihre Wunden heilen? Das ist einfach ein Sammelbegriff für Schlingpflanzen. Der ganze Amazonaswald ist voll von Cipo! Die genauen Zutaten der geheimen Medizin der Tenharim werden also vorerst ein Geheimnis bleiben, zumal sie Ihnen ja nicht erlaubt haben, Proben mitzunehmen.

Pilze im Reservat der Tenharim

Frage: Kennen wir überhaupt all diese Pflanzen im Amazonasraum?

De Paula: Ach, wir kennen sehr wenige. Riesige Gebiete im Amazonasraum wurden noch nie erforscht. Deshalb unterschätzen wir sicherlich auch die Zahl der Spezies – Pflanzen und Tiere –, die es dort gibt. Wir unterschätzen den Reichtum der dortigen Natur. Paradoxerweise haben wir Forscher seit 1990 viermal weniger neue Pflanzen­spezies im Amazonasraum identifiziert als in anderen Natur­regionen Brasiliens. Das liegt nicht daran, dass es dort weniger unbekannte Pflanzen gäbe! Es ist einfach so teuer und aufwändig, an den Amazonas zu reisen, und es fehlt an finanzieller Unterstützung.

Frage: Sie haben bei Ihrer Forschungsarbeit aber schon neue Pflanzen­arten entdeckt.

De Paula: Ja, ich war in zehn Fällen bei der Entdeckung einer neuen Spezies dabei. Eine Pflanze, die ich erstmals beschrieben habe, trägt meinen Namen als Autorin: «Anthurium Mucuri E.G. Gonç. & L. F. A. de Paula» ist ein Aronstabgewächs aus meinem Heimatstaat in Brasilien, Minas Gerais. Einmal haben wir neue Pflanzen bei einer Amazonas-Expedition entdeckt, das war mit einem Team von der Universität Minas Gerais. Wir fanden mehrere Spezies von Farnen und eine Art aus der Familie von Kaffeegewächsen.

Frage: Der brasilianische Amazonaswald wird heute im Rekordtempo abgeholzt. Verlieren wir dabei Pflanzenspezies, bevor die Forscher sie jemals in ihren Katalog aufnehmen können?

Schalen von Paranüssen im Tenharim-Gebiet

De Paula: Ja sicher. Das gilt für den Amazonas und auch für andere Biome in meinem Heimatland. Im Amazonas ist es aus wissenschaftlicher Sicht besonders schlimm, weil eben noch so wenig erforscht ist.

Frage: Wo vermuten Sie denn am Amazonas die meisten noch uner­ forschten Pflanzen und Tiere?

De Paula: Höchstwahrscheinlich finden sie sich in bestimmten Nationalparks und in Reservaten für Indigene, wo manche Völker ihre Natur sehr wirksam gegen Invasoren schützen. Es ist übrigens recht schwierig, in den Reservaten zu forschen – aus dem gleichen Grund. Man darf nicht so einfach hinein. Man braucht unzählige Behördengenehmigungen und das Einverständnis der Völker, die dort leben.

Frage: Die Tenharim­ in diesem Buch behaupten, dass sie viel mehr Pflanzen und Tiere kennen als die westlichen Forscher. Kann das sein?

De Paula: In ihrem eigenen Gebiet? Da gibt es gar keine Zweifel.

Frage: Vielleicht könnte man das ganze Wissen ja mal zusammenwerfen …

Tu’a gilt als Kräuterexpertin bei den Tenharim

De Paula: Das ist keine schlechte Idee, aber es ist sehr schwierig, weil indigene Völker die Spezies ganz anders katalogisieren als wir. Oft ist es eine künstliche Festlegung, wie man eine Spezies von der nächsten unterscheidet, das sind keine Entweder-oder-Entscheidungen. Die Indigenen machen es auf ihre Weise. Bei den Arbeiten für dieses Buch fiel mir das zum ersten Mal auf, als ich zu ergründen versuchte, warum die Tenharim mehrere Arten von Anakonda-Riesenschlangen unterscheiden. Das deckt sich nicht unbedingt mit den biologischen Lehrbüchern.

Frage: Das heißt, die Tenharim unterscheiden zwischen mehr Spezies als die Biologen?

De Paula: Bei indigenen Völkern habe ich das häufiger gesehen. Sie unterteilen eine Spezies nochmal in eine Reihe von Subspezies und ziehen dabei Kriterien heran, die wir gerne übersehen: Feinheiten im Aufbau der Blätter, den Geruch, Geschmack, die medizinischen Eigenschaften oder auch die Art, wie die Pflanze wächst.

Frage: Das heißt, diese Völker beobachten eine Pflanze über ihre ganze Lebenszeit hinweg? Das klingt nach einem ganzheitlicheren An­satz.

De Paula: Sehr ganzheitlich. Und bei der Bestimmung von Tieren nutzen sie häufig ihre gute Beobachtungsgabe. Sie unterscheiden Spezies nicht nur nach ihren äußeren Merkmalen, sondern auch danach, wie sie sich im Wald verhalten.

Frage: Also könnten die westlichen Forscher von den Indigenen lernen?

De Paula: Das passiert auch schon. Gerade im Amazonas arbeiten Forscher viel mit sogenannten para­taxonomistas zusammen. Das sind indigene oder andere lokale Einwohner, die selber ihre Listen und Kataloge von Spezies erstellen, manchmal im Auftrag von Instituten und mit einer Basisausbildung durch Forscher. Das ist ein fruchtbarer Austausch, er hat aber seine Grenzen.

Der Wald der Tenharim

Frage: Im Buch gibt es eine Passage, in der Madarejúwa, der junge Indianerkrieger, eine westliche Schule besucht. Er mag besonders den Biologieunterricht, sagt aber auch, dass er nicht viel lernen konnte. Er habe den anderen Schülern alles erklärt.

De Paula: Ja, das ist ein sehr lustiger Moment. Ich glaube auch, dass jemand wie Madarejúwa ein sehr tiefes biologisches Wissen hat oder dass er zumindest auf solches Wissen bei seinem Volk zurückgreifen kann. Doch vielleicht überschätzt er seine Fähigkeiten. Diese Leute kennen ihre Lebensumwelt sehr gut, doch sie wissen um viele biologische Zusammenhänge nicht, etwa solche der Genetik. Das Ziel indigener Völker ist keine Forschung im westlichen Sinne. Ihnen geht es ums Überleben. Sie wollen andere Dinge über die Tiere und Pflanzen wissen als wir: Welche sind essbar? Nützlich? Welche können heilen oder einen Zauber bewirken? Welche werden für uns Menschen zur tödlichen Gefahr?