Isoliert von der Außenwelt, nackt im Wald

„Lange hat mein Volk ein Geheimnis gehütet. Doch die Häuptlinge
haben entschieden, dass ich mit dir darüber reden darf. Auf unse­rem Land, noch hinter dem Kastanienhain von São Luis, leben einige Tenharim wie in der alten Zeit. Wir glauben, dass sie ohne Kleider im Wald herumlaufen. Sie ziehen als Nomaden umher und leben von der Jagd. Nie bleiben sie dauerhaft an einem Ort, vielleicht ein, zwei oder drei Monate lang. Wenn sie jagen, legen sie weite Wege zurück, viel größere Strecken als heutzutage wir. So war das alte Leben der Tenharim.“

Madarejúwa Tenharim

 

Stimmt die Geschichte, die Madarejúwa hier im Buch erzählt? Gleich war klar, dass diese Information über die «Unkontaktierten» auf dem Gebiet der Tenharim mit etwas Vorsicht zu genießen war. Es gibt keinen eindeutigen Beweise dafür, dass diese Gruppe bis heute noch lebt. Vorsicht ist deswegen angebracht, weil die Häuptlinge im Au­genblick ja ein politisches Interesse daran hätten, ein schützenswertes Mini­volk auf ihrem Gelände herbeizureden. Sie könnten sich davon Unterstützung von Seiten der Behörden erhoffen. Bei anderen Völ­kern in anderen Kontexten hat sich das als hilfreiches Druckmittel er­wiesen.

Die Tenharim behaupten allerdings geschlossen und nicht erst seit gestern, dass „die Verwandten“ nach wie vor im Wald unterwegs sind. Eine Studie des Institut Xavante (2016), im staatlichen Auftrag durchgeführt von Anthropologen, Biologen und Umweltingenieuren, bestätigte noch 2016 anhand ver­schiedener Indizien ihre Präsenz im Wald. Auch ein örtlicher Vertreter der Indianerschutzbehörde FUNAI sagte im Gespräch, dass man davon ausgehe, dass eine unkontaktierte Gruppe nomadisch auf dem Ge­lände überlebe, und der Anthropologe und Tenharim­-Fachmann Edmundo Peggion äußerte in einem Gespräch «keine Zweifel« daran.

Realistisch ist das durchaus: In den Amazonaswäldern werden nach wie vor unkon­taktierte Völker entdeckt, auch in der Gegend, in der die Tenharim zu­ hause sind. Häufig waren das zuletzt nachgewiesenermaßen Kagwahi­va­Gruppen, also solche mit der gleichen Abstammung wie die Tenharim, die offenbar eine überaus starke kulturelle Überlebensfähigkeit unter diesen Bedingungen aufweisen. Manchmal sind diese Völker winzig, sie überleben als Nomadengruppen von acht, zwölf oder 20 Menschen. Das Gebiet der Tenharim ist allemal groß genug dafür.

Bei „unkontaktierten“ oder „isolierten“ Gruppen – auf Portugiesisch „sem contato“ – wird davon ausgegangen, dass es diese Völker sind, die keinen regelmäßigen Kontakt zur Welt der Weißen suchen. Es heißt nicht, dass sie nichts über sie wissen, dass sie noch nie irgendwelche Begegnungen hatten, oder dass sie nicht in der Lage wären, einen Kontakt herzustellen.