„Die Weißen machen Fehler“: Ein Interview mit Madarejúwa

Thomas Fischermann sprach mit Madarejúwa Tenharim zuletzt im August 2017, um letzte Fragen zum Manuskript zu klären. Er führte dabei dieses kurze Interview.

Frage: Viele Menschen in Deutschland werden bald lesen, was wir zusammen geschrieben haben. Welche Hoffnungen verbindet das Volk der Tenharim mit dieser Veröffentlichung?

Madarejúwa: Ich hoffe, dass die Menschen unser Volk und seine Geschichte besser kennen lernen. Sie sollen verstehen, dass wir eine lange Geschichte und eine lange Tradition haben. Wir beschützen den Amazonaswald, und deswegen geraten wir in Konflikte mit anderen. Das sollen die Leute wissen, statt nur schnell anhand von aktuellen Ereignissen in den Nachrichten zu urteilen …

Frage: Sie sprechen davon, dass es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen weißen Siedlern und den Kriegern ihres Volkes gibt, die manchmal tödlich ausgehen. Vor vier Jahren wurden die Leichen von Siedlern in Ihrem Reservat gefunden.

Madarejúwa: Ich finde die Fragen zu diesem Thema schwierig. Sie sind am schwierigsten zu beantworten für mich.

Frage: Okay, reden wir von etwas anderem. Sie haben mir erzählt, dass die Leser des Buches mehr über die Lebensweise der Tenharim er­fahren sollen. Was können die Menschen in Deutschland denn von Ihnen lernen?

Madarejúwa: Ich weiß, die Welt der Weißen ist sehr anders. Doch ich denke, es kann helfen, unsere Sprache zu verstehen und unsere Lebens- weise zu kennen. Wenn die Weißen uns verstehen, ist das schon ein Beitrag, der die Wirklichkeit verändern kann.

Frage: Was machen die Weißen falsch in ihrem Leben?

Madarejúwa: Sie machen Fehler, sobald sie in die Natur kommen. Wenn sie den Wald betreten. Kein Weißer weiß, wie er sich dort bewegen soll. Er sieht die Tiere nicht. Er weiß nicht, wie er mit den Tieren reden kann. 

Frage: Das war ja auch mein Problem bei unseren Expeditionen. Sie sind regelmäßig an meiner Tappsigkeit im Wald verzweifelt und fanden viele meiner Fragen schräg. Wie denken Sie heute über die vielen Gespräche, die wir geführt haben?

Madarejúwa: Nein, ich fand die Fragen eigentlich alle gut und sehr interessant.

Frage: Kürzlich haben Sie mich überrascht. Sie sagten, dass Sie mich schon kannten, lange bevor ich Sie kennen lernte. Sie hatten mich bei der Durchfahrt durch Ihr Stammesgebiet beobachtet …

Madarejúwa: Ja, wir haben damals von einem Versteck aus die Straße beobachtet.

Frage: Das war auf einem Höhepunkt der gewaltsamen Konflikte zwischen den Tenharim und ihren Nachbarn. Wir kamen damals als Journalisten und mussten den ersten Versuch, Ihr Volk und seine Häuptlinge zu befragen, abbrechen.

Madarejúwa: Wir sahen von unserem Versteck aus, wie die Polizei kam und Sie nicht in unser Land gelassen hat. Ich habe sogar gesehen, wie Davilson (der brasilianische Indigenen-Experte und Waldführer, der die meisten Expeditionen für dieses Buch begleitet hat) aus dem Auto ausstieg und auf unser Dorf zulief. Er rief die Namen unserer Anführer.

Frage: Gezeigt hat sich aber keiner von Ihnen. Das Dorf kam uns wie ausgestorben vor. Und Davilson wurde damals festgenommen.

Madarejúwa: Wir haben darüber gesprochen, fanden es alle sehr schlecht von der Polizei, dass sie das verhindert hat. Aber später sind Sie ja wiedergekommen.

Frage: Stellen Sie sich mal vor, Sie reisten eines Tages nach Deutschland. Worauf sind Sie neugierig? Welche Fragen würden Sie den Men­ schen dort stellen?

Madarejúwa: Ich weiß nicht … ist die deutsche Sprache nicht sehr schwierig?

Frage: Mal angenommen, jemand übersetzt.

Madarejúwa: Ich würde gerne einen Flughafen besuchen und andere Orte für Touristen.

Frage: Warum?

Madarejúwa: Ich habe noch nie ein Flugzeug gesehen.

Frage: Was ist für Sie jetzt wichtig in Ihrem Leben? Was sind Ihre Pläne?

Madarejúwa: Das Wichtigste in meinem Leben ist der Kampf für die Rechte meines Volkes und aller indigenen Völker. Und es ist wichtig, dass ich ein Indianer bleibe, dass ich meine Lebensweise pflegen und meine Sprache.

Frage: Sie sind aber kürzlich nochmal in die Stadt zurückgekehrt, um Ihre Schulbildung fortzusetzen.

Madarejúwa: Ja, denn ich muss für das Leben im Wald vorbereitet sein, aber auch für das Leben unter Weißen. Heute ist das so.

Frage: In unserem Buch erzählen Sie die Geschichte, wie Ihr erster Anlauf in einer Schule der Weißen war. Da hielten Sie nur wenige Monate durch. Danach kam das Militär in die Schulen und schickte alle Indigenen weg, weil die Konflikte mit den weißen Siedlern zu groß wurden. Trotzdem sind Sie zurückgekehrt?

Madarejúwa: Ich glaube, dass ich mit einer Schulbildung die Rechte meines Volkes besser verteidigen kann. Aber ich will niemals auf Dauer in der Stadt leben. Ich werde jetzt diese Schulausbildung machen, und dann kehre ich in mein Dorf zurück. Daran gibt es gar keinen Zweifel.