„Die Weißen machen Fehler“: Ein Interview mit Madarejúwa

Thomas Fischermann sprach mit Madarejúwa Tenharim zuletzt im August 2017, um letzte Fragen zum Manuskript zu klären. Er führte dabei dieses kurze Interview.

Frage: Viele Menschen in Deutschland werden bald lesen, was wir zusammen geschrieben haben. Welche Hoffnungen verbindet das Volk der Tenharim mit dieser Veröffentlichung?

Madarejúwa: Ich hoffe, dass die Menschen unser Volk und seine Geschichte besser kennen lernen. Sie sollen verstehen, dass wir eine lange Geschichte und eine lange Tradition haben. Wir beschützen den Amazonaswald, und deswegen geraten wir in Konflikte mit anderen. Das sollen die Leute wissen, statt nur schnell anhand von aktuellen Ereignissen in den Nachrichten zu urteilen …

Darf man „Indianer“ sagen?

Ja, gute Frage. Sie wurde in den vergangenen Tagen häufig gestellt. Gleich im Untertitel des Buches steht ein Satz, der manche Leser verärgert hat:

‚Ein Indianerkrieger aus dem Amazonas erzählt von der Zerstörung seiner Heimat und von den Geistern des Urwalds‘

Wir hatten uns darüber schon einige Gedanken gemacht: der Autor Fischermann, die Lektoren, unsere Berater in Fragen der Anthropologie. Im Buch selber findet sich (auf Seite 187) eine kleine Ausführung dazu. Vor allem in der Fachliteratur ist es heute üblich, von «indigenen Völkern» zu sprechen. Dies wird als politisch kor­rekter betrachtet als früher gebräuchliche Bezeichnungen wie «Indianer», «Indio» oder auch «Urvölker» und «Eingeborene», die diverse problematische Wortgeschichten aus der Kolonisierung mitbringen.

Cowboys und Indigene: Einige Tenharim-Familien an der Durchfahrtstraße haben sogar Fernseher zuhause stehen

Trotzdem: Am Ende wurde entschieden, dass wir es in diesem Buch nicht so streng halten. Mal abgesehen davon, dass eine politisch korrekte Wortwahl noch selten soziale Probleme aus der Welt geschafft hat: Das Wort „Indianer“ ist nicht so problematisch, wie viele meinen. Anders als im Spanischen hat der Begriff «Índio», also Indianer im Portugiesischen, nicht die gleiche negative Konnotation. Tatsächlich heißt die staat­liche Behörde für den Schutz dieser Völker „Fundação Nacional do Ín­dio“.

Den Ausschlag gab schließlich, was Madarejúwa richtig findet. Er bezeichnet sich selber als «Índio», gelegentlich auch als „Indigener“. Die Frage wurde mit ihm für dieses Buch diskutiert, und er hält beide Worte für identisch und keines für derogativ. Wo er selber spricht, wird im Buch seiner jeweils eigenen Wortwahl ge­folgt. Wo der Autor Fischermann spricht, zieht er «Indigene» oder «indi­gene Völker» vor – aber nicht auf dem Titel, wo erst mal jeder verstehen soll, worum es geht. Wörter wie «Indianerreservat» oder «Indianerschutz­behörde» sind so gebräuchlich und werden verwendet.

Auf den Begriff «Eingeborene» wird wegen der diversen negativen Konnota­tionen im Deutschen verzichtet, obwohl man auch argumentieren könnte, dass das eine ziemlich wörtliche Übersetzung des Begriffes «Indigene» ist. Auf «Urvölker» wird auch ver­zichtet, weil heute nicht mehr ganz klar ist, wie «ursprünglich» diese Völ­ker sind, und im Verhältnis zu was. Ihre Kultur verändert sich ja ständig weiter, so wie jede Kultur auf der Welt.

In aller Regel wird von «Völkern» ge­sprochen und nicht von «Stämmen», es sei denn, es ist ausdrücklich ein bestimmter Familienstamm gemeint – etwa dort, wo Madarejúwa von dem gemeinsamen Stammbaum der isoliert lebenden Tenharim und sei­ner eigenen Verwandtschaft spricht.

„Madarejúwa hat ein tiefes biologisches Wissen“: Interview mit der Pflanzenspezialistin Luiza de Paula

Luiza de Paula, Foto privat

Luiza de Paula, 30, ist eine brasilianische Biologin. Sie spezialisiert sich auf die Katalogisierung von Pflanzen und auf die Entdeckung neuer Arten. Derzeit schließt sie ihre Promotion an der Universität Rostock ab.

Für dieses Buch beriet sie in kniffligen Fragen: Was meinen die Tenharim-­Indianer, wenn sie sagen, dass sie ein «Salz» aus Palmen herstellen? Stecken hinter den indigenen Namen der Tenharim für ihre Naturmedizin bekannte Heilkräuter, oder könnte es sich hier um unentdeckte Spezies handeln? Welche Affenart war es, die der junge Krieger Madarejúwa am Ufer des Rio Marmelos schoss und seinem Gast aus Deutschland «gut durchgebraten» ser­vierte?

Frage: Sie haben einige Wochen lang ziemlich geflucht, als Sie das Manuskript dieses Buches durchgegangen sind. Was war denn so schwierig?

De Paula: Nicht nur geflucht, die Arbeit war eigentlich faszi­nierend, aber viel schwieriger als gedacht. Die Tenharim-Indianer sprechen sehr detailliert von bestimmen Pflanzen und Tieren, sie meinen bestimmte Spezies damit. Doch ihre Beschreibungen und ihre Abgrenzungen für diese Spezies decken sich häufig überhaupt nicht mit der in den biologischen Lehrbüchern! Einige Male musste ich da mit befreundeten Experten von Universitäten in Brasilien und Deutschland tief einsteigen.

Frage: Und haben Sie am Ende alles rausbekommen?

De Paula: Nein, wo die Dinge unklar geblieben sind, schreiben wir es aber so hin. Die Uixi-Frucht, die Sie von irgendeinem Strauch gegessen haben? Das könnten acht verschiedene Früchte sein. Und das «Cipo», mit dem die Tenharim ihre Wunden heilen? Das ist einfach ein Sammelbegriff für Schlingpflanzen. Der ganze Amazonaswald ist voll von Cipo! Die genauen Zutaten der geheimen Medizin der Tenharim werden also vorerst ein Geheimnis bleiben, zumal sie Ihnen ja nicht erlaubt haben, Proben mitzunehmen.

Pilze im Reservat der Tenharim

Frage: Kennen wir überhaupt all diese Pflanzen im Amazonasraum?

De Paula: Ach, wir kennen sehr wenige. Riesige Gebiete im Amazonasraum wurden noch nie erforscht. Deshalb unterschätzen wir sicherlich auch die Zahl der Spezies – Pflanzen und Tiere –, die es dort gibt. Wir unterschätzen den Reichtum der dortigen Natur. Paradoxerweise haben wir Forscher seit 1990 viermal weniger neue Pflanzen­spezies im Amazonasraum identifiziert als in anderen Natur­regionen Brasiliens. Das liegt nicht daran, dass es dort weniger unbekannte Pflanzen gäbe! Es ist einfach so teuer und aufwändig, an den Amazonas zu reisen, und es fehlt an finanzieller Unterstützung.

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Preview in English

Since last week, I have received a lot of requests for a translated version of the book … I am sorry, there is none. But we did a rough-and-ready translation of the preview piece that appeared in today’s Die ZEIT. Here goes!

The last Guardian of the Forest

Our author Thomas Fischermann went to meet an endangered Amazonian people. The young warrior Madarejúwa Tenharim explained to him how man and nature can live in harmony. He wants to defend his home to the death

I did not look happy when I ate the monkey. “Here, have an arm”, my companion said. “It is really well done. Get rid of the black crust on the outside first. Do you want manioc flour to go with that? Please, don’t give me that look!”

Madarejúwa Tenharim, my host in the Amazonian forest, was 20 years old at the time. The young warrior was proud to serve a feast to his guest from faraway Germany. All day long, he had been making a big secret out of what the plastic bag he was carrying around. What kind of treasure might be inside? When the sun set, his secret was revealed.

„We are going to have a barbecue. I have a surprise. I have hunted a monkey for us. It is a capuchin monkey, a female. Good barbecue material.”

We had set up our hammocks for a night by Rio Marmelos, between the trees of an old castanhal, for hours away from the closest village. One of those cold and wet Amazonian nights had begun, and we sat close to the fire where our monkey was being grilled.

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