Anhağa – Der Wald ist voller Seelen

Waldboden im Kastanienhain von São Luis

Im Kastanienhain von São Luis lebte der große Schamane Porapití. Er hatte eine Frau und zwei Töchter. Die eine war ein Kleinkind und konnte bereits laufen, die andere wurde von ihrer Mutter in einer Schlinge aus Baumwolle getragen. Als die Mutter aus dem Wald ins Dorf zurückkehren wollte, sagte die ältere Tochter zu ihr: „Ich möchte eine Frucht probieren, dort drüben sehe ich sie hängen!“ Die Mutter erlaubte es, dann schaute sie kurz weg. Als sie den Blick wieder hob, war die Tochter verschwunden.

Sie rief aus Leibeskräften nach ihr und suchte am Fluss und unter den Bäumen, voller Angst. Hatte jemand das Kind gestohlen? Waren Häscher vom Volk der Jiahui in diesen Wäldern unterwegs? Die Jiahui waren Erzfeinde der Tenharim, mit ihnen führten wir lange Krieg. Damals war eine Zeit voller Streit zwischen den Völkern.

Einmal hörte die Mutter die Stimme ihrer Tochter, aus großer Ferne, aber finden konnte sie sie nicht. Sie hörte die Rufe mal von hier und mal von dort, aus verschiedenen Richtungen des Waldes. Sie irrte umher und ihre Kräfte schwanden. „Mein Mann wird böse mit mir sein“, sagte sie sich. Die Mutter wusste, dass Porapití, der Schamane, alles sehen konnte. Er würde längst vom Verlust der Tochter wissen.

Als der Tag zu Ende ging, fand sie endlich das Mädchen, es kauerte in einem Schatten und rief wie von Sinnen: A’i! Mutter! Nimm mich mit! Da begriff die Mutter, dass ein böser Geist ihre Tochter durch den Wald geschleppt hatte, ein anhağa. Wir glauben, dass sie die Seelen der Toten sind, verunglückte oder gefallene Krieger. Sie finden keine Ruhe. Wütend und mit letzter Kraft brach die Mutter einen Ast von einem Dornenstrauch. Sie schlug den anhağa, auf alle Geister des Waldstücks drosch sie ein, doch die verwandelten sich rasch in Ratten, Affen und Fledermäuse und sprangen davon. So ist es mit den anhaga.

Spät erreichte die Mutter mit ihren Kindern das Dorf, und im Schatten des Waldes lief der anhağa hinter ihnen her. „Meine Tochter wurde von einem Geist entführt!“, sagte die Mutter, und ihr Mann, der Schamane, der alles wusste, hatte seinen Zauber schon vorbereitet. Das Mädchen verlor das Bewusstsein, war außer sich, und Porapití bot alles auf, was der Seele eines Toten nicht gefällt. Er legte das Leder frisch gejagter Tiere auf das Kind, ließ Wurzeln und Maniok heranschaffen und spielte tiefe, raue Klänge auf seiner Flöte aus Taboca-Schilf. Traurig musste er eingestehen: Auch der stärkste Mann weiß nicht jedes Problem zu lösen. Auch der mächtigste Schamane kann nicht alles heilen.

„Um meine Tochter zu retten, müssen wir dem anhağa erlauben, in ein anderes Kind hineinzufahren“, sagte Porapiti…

Die Fortsetzung steht in dem Buch „Der letzte Herr des Waldes“.  Die Erzählung stammt von Kikí Tenharim, dem Großvater von Madarejúwa, im Kreis und unter Beteiligung seiner Familie im Marmelos-Dorf.